Robert J. Turpin, Black Cyclists. The Race for Inclusion, Urbana: University of Illinois Press, 2024.*

Die Studie „Black Cyclists“ von Robert J. Turpin über die Geschichte Schwarzer Radrennfahrer zeigt auf dem Cover den weithin vergessenen Sportler Woody Hedspeth. Dies ist durchaus programmatisch zu verstehen, denn der erfolgreichste und bekannteste Schwarze Radsportler und -profi aus den Vereinigten Staaten war Marshall Walter „Major“ Taylor (siehe dazu STADION 46.2022: 195-223). Taylor errang 1899 im Sprint die Weltmeisterschaft und startete ab 1901 auf ausgedehnten Tourneen in Europa, um dem grassierenden Rassismus in den USA zu entgehen und gleichzeitig hohe Preisgelder einzustreichen. Major Taylor habe die „color line“ allerdings nicht überwunden und gebrochen, wie Robert J. Turpin argumentiert; im Gegenteil, sein Erfolg gegenüber Weißen Sportler habe den Zugang für nachfolgende Schwarze Radrennfahrer sogar erschwert („made things more difficult with aspirations of world championships“, S. 7).
Turpins erklärtes Ziel ist es demnach, die kaum bekannte Geschichte des Radsports und des Radfahrens seitens der diskriminierten Schwarzen Bevölkerung der USA zu erforschen und zu erzählen. Seine Studie nimmt als Untersuchungszeitraum vor allem die Jahre von 1880 bis 1920 in den Fokus, informiert in insgesamt neun Kapiteln aber auch über die Entwicklungen davor und danach.
Schwarze eigneten sich bereits sehr früh das Fahrrad bzw. Vorformen des Fahrrads an. In Savannah, Georgia, gründete sich bereits im April 1869 ein eigener Veloziped-Club für Schwarze, über den in den USA auch überregional berichtet wurde (S. 11). In den 1880er Jahren nutzen African Americans wie David Drummond und Charles Van Deever aus Boston mit einem Selbstbau das Hochrad (S. 17), das als „Bicycle“ seinerzeit in Europa und Deutschland einen sportlichen Aufschwung mit zahlreichen Vereinsgründungen erlebte. Das Hochrad und das um 1890 perfektionierte Niederrad samt Luftreifen standen für eine spezifische Modernität und neue Mobilität. Schwarze machten sich dies zu eigen und nutzten die neue Maschine, vor dem Hintergrund von Sklaverei und systematischer Diskriminierung, „to exert their masculinity and proclaim their equality“ (S. 37).
Das „Race for Inclusion“, so der Untertitel, die Verwendung des Fahrrads zu emanzipatorischen Zwecken blieb nicht unbeantwortet. Angesichts der zunehmenden Verbreitung des modernen Fahrrads seit den frühen 1890er Jahren schloss die League of American Wheelmen (LAW) 1894 Schwarze von einem Eintritt in den Verband aus (Kap. 3). Dies betraf allerdings nur Neutmitglieder und nicht die, wenn auch nur nur sehr wenigen bereits bestehenden Schwarzen LAW-Mitglieder. Darunter befand sich auch eine Schwarze Frau aus Boston – Katherine „Kittie“ Knox (Kap. 5). Sie war kurz vor dem Ausschluss Schwarzer Mitglieder der LAW beigetreten und trat in der Folge demonstrativ bei Veranstaltungen und Touren auf. Als vermutlich einzige Schwarze Frau im LAW berichtete die Presse häufig über sie, wohl auch deshalb, weil sich Weiße Frauen von ihrem modischen und selbstsicheren Auftreten provoziert fühlten. Andere wie Robert Teamoh, Mitglied des Houses of Reprentatives of Massachusetts, kritisierten als Schwarzer Radfahrer den rassistischen Ausschluss des Verbandes explizit und scharf.
Talentierte Schwarze US-amerikanische Radrennfahrer reagierten auf ihre Weise auf die sportliche Segregation . Da sie in den USA nach 1894 nur als Amateure antreten konnten und der von vielen erträumte Zugang zum Profisport in ihrer Heimat damit versperrt war, gingen etliche von ihnen nach Europa oder nach Australien. Hier zogen Radrennen auf der Bahn und auf der Straße um 1900 große Zuschauermengen an und folglich konnte als Profi sehr gut verdient werden. Major Taylor und Woody Hedspeth, die teilweise zusammen als Tandempaar antraten, verdienten sehr gut und unterstrichen mit ihrem Erfolg insbesondere in Frankreich ihr sportliches Talent. Mehr noch, sie machten aus ihren Auftritten fernab der USA eine „show of defiance and bravery“ (S. 119) sowie einen „protest against segregation“ (S. 137).
Doch nur wenige schafften den ganz großen Durchbruch wie Major Taylor, der im frühen 20. Jahrhundert dank seiner sportlichen Erfolge wohl sogar der reichste Schwarze US-Bürger war. Der Ruhm verblasste bei den Schwarzen Radprofis besonders schnell, wie Robert J. Turpin hervorhebt. So verstarb Major Taylor 1932 in verarmten Verhältnissen und Woody Hedspeth 1941 in Lissabon, als er wieder in die Vereinigten Staaten zurückkehren wollte. Wie schwierig der Durchbruch für Schwarze Radsportler bis heute ist, das untermauert der Verfasser in seinem Epilog mit Verweis auf u. a. Perry Metzler und Rahsaan Bahati.
Insgesamt bietet die Studie „Black Cyclists“ viele neue Informationen über die Geschichte des US-amerikanischen und internationalen Radsports. Trotz teils schwieriger Quellenlage gelingt es Robert J. Turpin, sowohl den Ausschluss als auch die Selbstbehauptung Schwarzer Sportler nachzuzeichnen. Lediglich der inhaltliche Aufbau und die Gliederung hätten stringenter ausfallen können, was nicht zuletzt daran liegt, dass der populärste und bedeutendste Schwarze Akteur – Major Taylor – zwar wiederholt angesprochen wird aber bewusst nicht in den Mittelpunkt gestellt wird.
* Die Besprechung erschien zuerst in: Stadion. Internationale Zeitschrift für die Geschichte des Sports 49 (2025), S. 207-209. Danke an die Hrsg. für die Erlaubnis der Veröffentlichung an dieser Stelle.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Lars Amenda (11. Juni 2026). Rezension “Black Cyclists” netzwerk fahrrad/geschichte. Abgerufen am 10. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16dts
